Dienstag, 18. Mai 2010

La Traviata

Was soll man mit einem Operntrumpf wie Giuseppe Verdis "La Traviata" anfangen? Soll man brav im tiefsten 19. Jahrhundert schwelgen oder die Handlung zum Teufel komm raus ins Heute versetzen?

Der heutige Abend begann spannend. Die Hauptfigur Violetta Valéry erschien nicht als Edelprostituierte, sondern als Sex-Ikone der heutigen Werbeindustrie auf einem lieblos zusammengezimmerten Laufsteg. Danach kam jedoch alles wieder in alte Gleise, die herzzerreißende Geschichte um Violetta, Vater und Sohn Germont nahm wie gehabt ihren Lauf. Was blieb, waren eine Reihe gegenwartsnaher Äußerlichkeiten, die dem Denken auf die Sprünge helfen sollten. Die Ballgäste beschworen mit Sonnenbrillen, bunten Hemden und mit Diskotanzerei Ballermann-Atmosphäre. In Abständen auf die Bühne klatschende tote Vögel ließen an die Gefährdung der Umwelt denken. Alfredo Germont, der Ausbrecher aus der genormten Standeswelt, war ausstaffiert wie ein Greenpeace-Aktivist, und Violetta erschien schlussendlich nicht als todgeweihte Schwindsüchtige, sondern mit kahlem Kopf, erinnernd etwa an die britische Big-Brother-Teilnehmerin Jade Goody, die ihre Krebserkrankung auf spektakuläre Weise öffentlich machte. Die lieb gewordenen Figuren blieben als solche weitgehend unangetastet; die wesentlichen Themen der Oper aber - die Suche nach einem sinnvollen Leben, der Widerspruch zwischen Sein und Schein, die Besinnung auf Güte und Menschlichkeit - sie konnte man bei einiger Fantasie auf das Hier und Heute übertragen.

Und es war letztlich so herzergreifend, tragisch und traurig, dass ich am Ende die Tränen nicht unterdrücken konnte. La Traviata lohnt sich immer wieder, es ist eben eine Lovestory, nur leider ohne Happy End.